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unter hamburg

„Gebaut, um übersehen zu werden[..]“ - der Bunker des Hamburger Gauleiters und Reichsstatthalters Karl Kaufmann

 

Von Christine Lindner

 

 

Mit Kimpels aktuellem Zitat(1) lässt sich die Spur zu einem besonderen Hamburger Luftschutzbau lenken, der zwar präsent aber selbst von der Forschung lange Zeit vernachlässigt worden war. Im Harvestehuder Weg 12 zeigt sich das „Budge-Palais“, das seit 1959 die heutige Hochschule für Musik und Theater (HfMT) beheimatet, dem Betrachter erhaben im Neorenaissancestil.

Unscheinbarer im Aussehen aber für die Aufarbeitung der regionalen NS-Vergangenheit umso bedeutsamer liegt im Garten des Budge-Palais ein zweiröhriger Bunker versteckt. Dieser Bunker wurde 1939/1940 für den Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann (1900–1969)(2) erbaut. Bis Anfang der 1990er Jahre galt er kaum als Forschungsinteresse oder wurde in Stadtführern vermerkt.(3)

Seit 2007 wurde eine erneute interne Diskussion zwischen der Amtsleitung des Bezirks Hamburg-Eimsbüttel und der HfMT zu möglichen Nutzungskonzepten des Bauwerkes angeregt. Mit dem Ergebnis, dass dieser Luftschutzbau der kritischen Öffentlichkeit für einen sachlichen Diskurs im Bezug auf die Bedeutung Karl Kaufmanns mit wissenschaftlich fundierten Führungen geöffnet werden darf. Nach ersten Gesprächen für ein etwaiges Erschließungs- und Nutzungskonzept des historisch originären Bauwerkes der regionalen NS-Führung in Hamburg sollen Führungen in diesem Luftschutzbau angeboten werden. Diese Öffnung des Bunkers wird unter der Moderation des Vereins „unter hamburg“ und in Kooperation mit der HfMT und der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburgs (FZH) stattfinden. Begleitet vom Verein „unter hamburg“ unternahm das ZDF (Zweite Deutsche Fernsehen) bereits eine erste Spurensuche im Bunker, wobei es nicht nur um die Architektur des Bauwerkes ging, sondern auch um die Person Karl Kaufmann, der u.a. als NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter die Politik der regionalen NS-Regierung von 1933 bis 3. Mai 1945 maßgeblich steuerte.

 

Eine historische Verortung des nationalsozialistischen Bauwerkes darf nicht ohne das so genannten Budge-Palais vorgenommen werden. Die Villa am Harvestehuder Weg 12 wurde vom jüdischen Geschäftsmann Henry Budge und seiner Frau Emma um 1900 gekauft.(4) Henry Budge starb 1928 und nach Emmas Budges Tod wurde die Villa 1937 versteigert und von der Stadt Hamburg deutlich unter Wert gekauft.(5) Karl Kaufmann interessierte sich für das Anwesen, da es durch seine zentrale Lage neben dem bisherigen nationalsozialistischen Verwaltungssitz (Harvestehuder Weg 10) als „neuer repräsentativer Hauptsitz der Verwaltung“(6) dienen sollte. Ab Januar 1938 wurde das „Budge-Palais“ nach Umbauarbeiten dem Reichsstatthalter Karl Kaufmann als Regierungssitz zur Verfügung gestellt.(7)

 

Bereits zwei Jahre vor dem offiziellen „Bunkerbauprogramm“ des Jahres 1940 legte die Hochbauabteilung Nord der Hamburger Bauverwaltung dem Reichsstatthalter Karl Kaufmann zwei Entwürfe über einen volltreffersicheren Schutzraum auf dem Gelände der Reichsstatthalterei vor, welche Kaufmann ablehnte. Erst im November 1939 wurde der Auftrag zum Bau einer separaten „verbunkerten Befehlsstelle“ im Garten des „Budge-Anwesens“ erteilt. Die Fertigstellung des Bauwerkes erfolgte mit Verzögerung im Juni 1940. Nach langwierigen Verhandlungen zwischen der Reichsstatthalterei und dem Reich wurden die Baukosten nachträglich vom letzterem übernommen. Dieser Bunker erhielt auf Kaufmanns Wunsch den Namen „Befehlsstelle des Reichsverteidigungskommissars im Wehrkreis „X“(8).

Die Wände und Decken wurden aus nichtarmierten Stampfbeton errichtet.(9) Der Bunker misst insgesamt in der Länge 22 Meter, in der Breite ca. 14 Meter und in der Höhe ca. 5,20 Meter.(10) Die Bunkersohle ist knapp einen Meter dick und liegt 4,14 Meter unterhalb des Erdniveaus.(11) Zwei Röhren mit gewölbten Decken wurden zum Bunker erbaut, die Gewölbe messen innen eine Breite von 3,90 Meter und sind 14 Meter lang. Sie werden von einer 1,20 Meter dicken Trennwand unterbrochen, wobei in der Trennwand drei Durchgänge eingelassen wurden.(12) Von außen gut sichtbar ist ca. 1 Meter der Bunkerdecke. Diese wurde 1942 mit einer auf Betonpfeilern aufliegenden Platte aus stahlarmierten Beton, der so genannten Zerschellschicht, von ca. 2,45 Metern (13) sowie mit zwei Treppenabgängen nachträglich splittersicher überbaut. 1943 wurde die Bunkerwand mit armiertem Stahlbeton bis auf 4 Meter verstärkt.

Die beiden Eingänge sind mit zwei Gasschleusen und entsprechenden Gasschutztüren versehen. Der Bunker verfügt insgesamt über neun Räume: Maschinenraum, zwei Räume für die umfangreiche Telefonzentrale, die wiederum in eine Vermittlungsstelle und fünf Telefonzellen aufgeteilt war. Außerdem existierte jeweils ein Raum für die Melder sowie für die Adjutanten, ein Schreibzimmer, ein großer Stabsraum(14) und ein kleinerer Aufnahmeraum. Das Stabszimmer und die Aufnahme waren mit zwei kleinen Durchreichen verbunden. Am Stabsraum grenzt noch ein sehr kleiner Raum für die damals installierte Siemens-Telefonanlage an. Die Telefonzentrale befand sich neben dem Haupteingang und der Maschinenraum gegenüber des Nebeneinganges. Jeweils ein WC befand sich an den Ausgängen.

Der Stabsraum war die Befehlszentrale des Reichsstatthalters Karl Kaufmann und es sollten sich bis zu 15 Personen in diesem Raum aufhalten können. „Acht Telefon- und ein Fernschreibanschluß waren vorgesehen. Drei Melder, drei Adjutanten, fünf Fahrer und Telefonistinnen [..]“(15)

 

Heute noch erhalten geblieben sind im Maschinenraum der Notstromdieselmotor der Marke „Junkers“ mit der Bedienungsanleitung, sowie die komplette Beschilderung, die Anlasskurbel und der Kraftstofftank des Motors nebst Schalttafeln.

Hinzu kommen noch der Trinkwasserbehälter, die Sicherungstafel und ein Feuerlöscher. Eine Schutzraumbelüftungsanlage mit eingebautem Heizregister ist ebenfalls erhalten geblieben. Als weitere Originalzeugnisse können die hölzernen Türrahmen, die Heizkörper und Lichtschalter sowie die Sicherungskästen angesehen werden. Im Bezug auf den Notstromdieselmotor geht der Verein „unter Hamburg“ e.V. davon aus, dass diese Anlage nach dem heutigen Kenntnisstand einmalig in der Hamburger Bunkerlandschaft ist.(16)

 

Abb.1. Notstromdiesel der Marke „Junkers“ im Maschinenraum. Aufnahme vom 05. September 2005.
Abb.2. Nebeneingang des Bunkers. Die Zerschellschicht ist deutlich erkennbar. Aufnahme vom 5. September 2005..
Abb. 3: Blick auf den Haupteingang vom Gelände der Hochschule aus. Aufnahme vom 5. September 2005.

 

 

Dieser Befehlsbunker war allein dem Reichsstatthalter Karl Kaufmann und dessen Stab bei Luftalarmen vorbehalten und wurde somit für eine rein militärische Nutzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit erbaut.

Am 9. Januar 1940 bat der Hamburger Höhere SS- und Polizeiführer Hans Adolf Prützmann(17) um Mitbenutzung des Bunkers bei Luftangriffen.(18) Ab Oktober 1940 wurde der Luftschutzbau auch als Ausweichstelle für die örtlichen Luftschutzleitung des Luftgaukommandos XI (Blankenese) angenommen.(19) Bei zukünftigen Luftangriffen sollten sich neben dem Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann, der Staatssekretär Georg Ahrens, Senator Dr. Friedrich Ofterdinger, Senatsdirektor Dr. Constantin Bock v. Wülfingen, der stellvertretende Gauleiter Harry Hans Henningsen und der Senatsdirektor Tiedt im Bunker aufhalten.(20) Dies waren neben den NS-Funktionären auch zum Teil leitende Beamte der Staats- und Gemeindeverwaltung Hamburgs. Somit war auch die örtliche nationalsozialistische Führungsebene während der Luftangriffe im Bunker versammelt. In den letzten beiden Kriegsmonaten ließ Karl Kaufmann aus Angst vor einem Umsturz aus den eigenen Reihen, seine Privatwohnung, die Reichsstatthalterei sowie den Luftschutzbau abriegeln.

Die Aktenlage konnte bisher nicht genau klären, in wieweit auch hier Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge am Bunkerbau bzw. dessen Erweiterung beteiligt waren. Ebenso konnten eindeutige Beweise, dass im Bunker die Vorbereitungen für die Kapitulation der Stadt Hamburg stattfanden, bisher nicht gefunden werden.

 

Nach 1945 wurde der Bunker zum Lagerplatz und Büro der Malerfirma „Herb. B. Trost“ umfunktioniert, was in der Nachkriegszeit als Normalität auf Grund von Platzmangel galt.(21) Ab 1970 wurde der Bunker als Requisitenlager und Abstellraum von der Hochschule für Musik und Theater verwendet.

Entgegen einiger Bunker, die im Rahmen des westdeutschen Zivilschutzes für einen möglichen atomaren Angriff wieder hergerichtet und gepflegt wurden, entfiel dieser komplett aus dem Programm. Das Bauwerk wurde für eine militärische Nutzung erbaut und dies verbot eine zivile Nachnutzung im Rahmen des Zivilschutzprogrammes der Bundesrepublik Deutschland ab 1959.

 

Da es in der Hamburger Gedenkstättenlandschaft keinen vergleichbaren Ort gibt, der als bauliche Hinterlassenschaft an die Spitze der regionalen NS-Herrschaft erinnert, würde es sich anbieten das „Budge-Palais“ zusammen mit dem Bunker als einen Herrschaftskomplex der NS-Diktatur zu betrachten und zu erhalten. Das unterirdische Bauwerk ist somit ein „originäres Bauwerk der NS-Diktatur“ (Frank Bajohr, FZH) und in seiner Planung sowie Bauweise und Innenausstattung einzigartig in der Hamburger Bunkerlandschaft. Der Bunker ist als das letzte Schutzbauwerk der nationalsozialistischen Führung in Hamburg anzusehen. Die anderen Befehlsbunker sind im Laufe der Jahre nach 1945 entweder abgerissen oder umfunktioniert worden. So wurde der Bunker des Generalmajor Alwin Wolz in der Rothenbaumchaussee in ein Medienzentrum umgewandelt. Der Bunker für die Hamburger Polizei in der Feldbrunnenstraße war zerstört worden und der Bunker der Führungsstelle des Luftgaukommandos in Blankenese im Jahre 2008 abgerissen.

 

Standort des Bauwerkes auf Google maps

 

 

(Die Autorin ist freie Sozial- und Wirtschaftshistorikerin und lebt in Hamburg)

(1) Harald Kimpel, Übersehenswürdigkeiten: Bunker-Ästhetik zwischen Tarnung und Warnung, in: Inge Marszolek, Marc Buggeln (Hrsg.), Bunker. Kriegsort, Zuflucht, Erinnerungsraum, Frankfurt/ New York 2008, S. 293-308, S. 293.
(2) Vgl. Zur Biografie Karl Kaufmanns: Frank Bajohr, Hamburgs „Führer“. Zur Person und Tätigkeit des Hamburger NSDAP-Gauleiters Karl Kaufmann (1900-1969). In: Landeszentrale für politische Bildung: Hamburg im „Dritten Reich“. Sieben Beiträge. Hamburg 1998. S.119-150; Franklin Kopitzsch, Dirk Britzke (Hrsg.), Hamburgische Biografien, Personallexikon, Bd.3, Göttingen 2006, S. 195-197.
(3) Vgl. Oliver Wleklinski: Die Befehlsstelle des Reichsverteidigungskommissars im Wehrkreis ‚X’ in: Interessengemeinschaft für Befestigungsanlagen beider Weltkriege –IBA-, Iba-Informationen, Heft 18/ 1991, Nürnberg 1991, S. 3-14; Marianne Mehling (HRSG.), Knaurs Kulturführer in Farbe – Hamburg, München 1994, S. 76.
(4) Vgl. Günter Könke: Das Budge-Palais. Entziehung jüdischer Vermögen und Rückerstattung in Hamburg. In: Arno Herzig; Saskia Rohde (Hrsg.): Die Juden in Hamburg 1590 bis 1990. Wissenschaftliche Beiträge der Universität Hamburg zur Ausstellung „Vierhundert Jahre Juden in Hamburg“. Hamburg 1991, S. 657-667, S. 657.
(5) Vgl. Ebd. S.658f.
(6) Ebd. S. 659.
(7) Vgl. Institut für die Geschichte der Juden (Hrsg.): Das jüdische Hamburg. Ein historisches Nachschlagewerk. Göttingen 2006, S. 43.
(8) StAHH: Bestand „Staatsverwaltung“ (113-5) Sign. AIV 9. Sicherungsmaßnahmen für die Dienstgebäude, Bau und Finanzierung eines Schutzbunkers auf dem Gelände der Staatsverwaltung. 1939-1943, Abschrift vom 13.12. 1939.
(9) Vgl. Wleklinski: Die Befehlsstelle des Reichsverteidigungskommissars. S. 4.
(10) Vgl. StAHH: Bestand „Staatsverwaltung“ (113-5) Sign. AIV 9.
(11) Vgl. Wleklinski: Die Befehlsstelle des Reichsverteidigungskommissars. S.5.
(12) Vgl. Ebd. S.5.
(13) Vgl. StAHH: Bestand „Staatsverwaltung“ (113-5) Sign. AIV 9.
(14) Mobiliar wahrscheinlich: Aktenschränke, Stühle, Kartentisch, Straßenpläne, Karten des Wehrkreises und Karten über Lösch- und Trinkwasserversorgung Vgl. Wleklinski: Die Befehlsstelle des Reichsverteidigungskommissars. S.8.
(15) Wleklinski: Die Befehlsstelle des Reichsverteidigungskommissars. S.11.
(16) Ortsbegehung mit Ronald Roßig. Vorsitzender des Vereins „unter hamburg“ e.V. am 15.11.2007.
(17) Hans-Adolf Prützmann war später als Höherer SS- und Polizeiführer im Baltikum und in der Ukraine u.a. an der Ermordung von mehr als 10.000 Juden beteiligt. Vgl. Bajohr, Hamburg – Der Zerfall der „Volksgemeinschaft“. S. 336.
(18) Vgl. StAHH: Bestand „Staatsverwaltung“ (113-5) Sign. AIV 9.
(19) Vgl. Wleklinski: Die Befehlsstelle des Reichsverteidigungskommissars. S. 4.
(20) Vgl. StAHH: Bestand „Staatsverwaltung“ (113-5) Sign. AIV 9.
(21) Vgl. Malte Thießen, Von der „Heimstätte“ zum Denkmal. Bunker als städtische Erinnerungsort- das Beispiel Hamburgs, in: Inge Marszolek, Marc Buggeln (Hrsg.), Bunker. Kriegsort, Zuflucht, Erinnerungsraum, Frankfurt/ New York 2008, S. 45-60, S. 49.

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